Schweinehaltung in der Krise
- 12. Juli
- 3 Min. Lesezeit
(Foto Quelle: Nordkurier 11.07.2026)
Aktuell bin ich wöchentlich in einem neuen Schweine Zuchtbetrieb begleite hier mehrere laufende Insolvenz- aber auch außergerichtliche Verfahren.
Die Schlagzeilen der vergangenen Tage zeigen erneut, wie dramatisch sich die Situation in der Schweinehaltung entwickelt hat. Der Nordkurier titelt am 11. Juli 2026:
„Schweinemarkt in der Krise: Wir binden jedem Schwein einen Zehn-Euro-Schein an den Schwanz.“
Treffender lässt sich die aktuelle Lage vieler Betriebe kaum beschreiben.
Steigende Kosten, sinkende Erzeugerpreise und eine immer höhere regulatorische Belastung führen dazu, dass viele Betriebe trotz voller Auslastung Geld verlieren. Während die Öffentlichkeit häufig nur den Schweinepreis wahrnimmt, entscheidet sich die wirtschaftliche Zukunft eines Betriebes längst nicht mehr allein am Preis je Kilogramm Schlachtgewicht oder je Ferkel. Entscheidend ist, wie gut der Unternehmer seinen Betrieb betriebswirtschaftlich steuert.
Gute Zeiten sind der beste Zeitpunkt für Krisenvorsorge
Eine Erfahrung aus zahlreichen Restrukturierungs- und Insolvenzverfahren zieht sich wie ein roter Faden durch alle Branchen:
Die eigentliche Sanierungsarbeit beginnt nicht in der Krise – sondern lange davor.
Wer in wirtschaftlich guten Jahren seine Zahlen kennt, Liquiditätsplanungen erstellt und Investitionen sauber kalkuliert, erkennt Veränderungen frühzeitig. Wer dagegen nur auf das Bankkonto schaut oder die monatliche BWA als reine Pflichtübung versteht, bemerkt die Krise häufig erst dann, wenn sie rechtlich bereits eingetreten ist.
Gerade in der Landwirtschaft erleben wir häufig, dass hervorragende Praktiker und Tierhalter ihre Betriebe mit großem persönlichen Einsatz führen. Was jedoch häufig fehlt, ist eine tagesaktuelle betriebswirtschaftliche Steuerung.
Die Liquidität entscheidet – nicht der Gewinn
Viele Unternehmer schauen zuerst auf den Jahresabschluss oder den Gewinn.
In einer Krise ist das die falsche Kennzahl.
Entscheidend ist ausschließlich die Frage:
Wie entwickelt sich meine Liquidität in den nächsten Tagen und Wochen?
Kann ich Löhne, Sozialversicherung, Futtermittel, Tierarzt, Energie und sonstige notwendige Betriebsmittel bezahlen?
Oder entsteht Woche für Woche ein Liquiditätsverlust?
Genau deshalb fordert auch der Gesetzgeber heute von Unternehmen eine laufende Überwachung bestandsgefährdender Entwicklungen. Wer als Geschäftsführer Warnsignale ignoriert oder gar nicht erst erkennt, bringt nicht nur sein Unternehmen, sondern auch sich selbst in erhebliche Haftungsrisiken.
Die Schweinebranche ist extrem sensibel
Die Schweinehaltung gehört zu den Branchen mit den stärksten Hebelwirkungen.
Sinkt der Ferkelpreis nur um wenige Euro oder verschlechtert sich der Schweinepreis geringfügig, entstehen innerhalb weniger Wochen sechsstellige Ergebnisverschlechterungen.
Gleichzeitig laufen die Kosten nahezu unverändert weiter:
Futter
Energie
Tierarzt
Personal
Versicherungen
Zinsen
gesetzliche Anforderungen
Tierwohlmaßnahmen
Dokumentationspflichten
Viele dieser Kosten lassen sich kurzfristig kaum reduzieren.
Das bedeutet:
Sinkende Erlöse wirken unmittelbar auf die Liquidität.
Zahlen müssen täglich geführt werden
In den vergangenen Monaten habe ich mehrere landwirtschaftliche Betriebe begleitet.
Ein Problem begegnet mir dabei immer wieder:
Es existieren zwar Buchhaltungen, BWAs und Jahresabschlüsse.
Was jedoch fehlt, ist eine echte Unternehmenssteuerung.
Notwendig sind insbesondere:
rollierende 13-Wochen-Liquiditätsplanung,
täglicher Überblick über Kontostände,
aktuelle Forderungen und Verbindlichkeiten,
Fälligkeiten,
Szenariorechnungen bei Preisänderungen,
Investitionsplanung,
Maßnahmencontrolling.
Nur wer diese Informationen täglich kennt, kann rechtzeitig reagieren.
Krise bedeutet handeln – nicht hoffen
In vielen Unternehmen wird wertvolle Zeit verloren.
Es wird auf bessere Preise gehofft.
Auf neue Finanzierungen.
Auf den nächsten guten Monat.
Oder darauf, dass sich der Markt wieder erholt.
Die Realität ist leider häufig eine andere.
Eine Krise lässt sich selten durch Hoffnung lösen.
Sie verlangt schnelle Entscheidungen, konsequente Maßnahmen und manchmal auch unpopuläre Schritte.
Mein Rat an Unternehmer
Warten Sie nicht darauf, dass die Bank nach Zahlen fragt.
Warten Sie nicht darauf, dass Lieferanten Druck machen.
Und warten Sie erst recht nicht darauf, dass der Steuerberater am Jahresende den Abschluss erstellt.
Führen Sie Ihren Betrieb mit denselben Informationen, die später auch Banken, Investoren oder ein Insolvenzverwalter sehen würden.
Denn genau diese Transparenz entscheidet häufig darüber,
ob eine Krise überhaupt erkannt wird,
ob sie außergerichtlich behoben werden kann,
oder ob am Ende nur noch das Insolvenzverfahren bleibt.
Gerade in der Landwirtschaft entscheidet heute nicht mehr allein die fachliche Qualität der Tierhaltung über den wirtschaftlichen Erfolg.
Mindestens genauso wichtig ist die Fähigkeit, den Betrieb betriebswirtschaftlich zu steuern.
Wer seine Zahlen kennt, erkennt Risiken früher.
Wer Risiken früher erkennt, kann handeln.
Und wer rechtzeitig handelt, verhindert häufig genau die Krisen, über die heute in den Zeitungen berichtet wird.
André Zimmermann
Experte für Restrukturierung, Sanierung und Insolvenzverfahren
“Unternehmer brauchen in Krisenzeiten keine schön gerechneten Zahlen – sie brauchen belastbare Entscheidungsgrundlagen.”





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